3.4 Spanien – Moderater Aufschwung

3.4 Spanien – Moderater Aufschwung

Schon Don Quijote, den Ritter von der traurigen Gestalt, trieb die Frage um, was Wirklichkeit und was Traum ist in unserer Welt. So kämpfte er zusammen mit seinem Knappen Sancho Panza mutig gegen Windmühlen, die er für verzauberte Riesen hielt. Oder er bekämpfte mächtige Heere, die sich denn als staubaufwirbelnde Hammelherden herausstellten. Der arme Held Cervantes glaubt die unglaublichsten Dinge — und steckt dafür immer wieder Prügel ein. Heute sind die Spanier in der Realität angekommen — und doch scheinen sie hin und wieder noch die unglaublichsten Dinge zu glauben: zum Beispiel, ... dass der Euro für sie funktioniert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1975 stand das Land unter der Militärdiktatur des Franko-Regimes. Nach Frankos Tod überführte König Juan Carlos Spanien in eine demokratische Monarchie. Seit 1986 ist Spanien Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bzw. der späteren EU. Bis zur Finanzkrise 2008 verfügte Spanien über einen soliden Staatshaushalt, die Staatsverschuldung lag sogar noch unter der deutschen. Das zentrale Problem war allerdings der spanische Finanz- und Bankensektor. Wegen der niedrigen Zinsen nach Einführung des Euro hatten die Banken massenhaft Kredite vor allem im Bausektor vergeben. Als die spanischen Immobilienpreise in der Krise mangels Nachfrage zusammenbrachen, bekamen die Banken massive Schwierigkeiten. Immobilien- und Bankenkrise ließen die Staatsschulden explodieren und trieben die Jugendarbeitslosigkeit auf Rekord- höhen. Der damalige Premierminister Rajoy ergriff umgehend Maßnahmen zur Verringerung des Staatsdefizits und zur Rettung des Bankensektors. Für dessen Rekapitalisierung handelte Spanien mit der EU eine Kreditlinie von 100 Milliarden Euro aus, von denen dann aber lediglich 82 Milliarden Euro benötigt wurden.

Foto: Demonstration zur Unabhängigkeit Katalaniens

Dennoch verstärkten die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und das geringe Wirtschaftswachstum in den Jahren nach der Finanzkrise den sozialen Druck und die Unzufriedenheit mit dem etablierten Parteien-System. Dazu kam das Er- starken der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Bei den Wahlen 2015 betraten zwei neu gegründete Parteien die politische Bühne, die populistische Podemos mit über 20 Prozent und die ebenfalls neue Zentrums-Partei Cuidadanos mit knapp 14 Prozent. Ministerpräsident Rajoy blieb mit einer Minderheitsregierung bis 2018 im Amt. Seit 2014 wächst die spanische Wirtschaft wieder und die Arbeitslosenquote sinkt. Rajoy verlor nach verschiedenen Regierungsskandalen und dem Druck der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung und deren Referendum 2017 das Vertrauen der Bevölkerung. Seit Sommer 2018 regiert der Sozialist Pedro Sánchez, ebenfalls in einer Minderheitsregierung. Bei den bevorstehenden Neuwahlen im Frühsommer wird ein weiteres Erstarken der Zentrumspartei Ciudadanos erwartet. Es ist derzeit offen, ob Spanien nach den Wahlen eine stabile Regierung bilden kann.

Spanien hat die Krise überwunden, die Aussichten für die spanische Wirtschaft sind positiv. Ein Problem bleibt aber die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit. Speziell unter Jugendlichen hält die Abwanderung aus Spanien an, seit Beginn der Krise sind mehr als 1,5 Millionen junge Menschen ausgewandert. Ein weiteres ungelöstes Problem ist die schwelende Krise um die Unabhängigkeit Kataloniens. Insgesamt ist die Situation Spaniens aber weitaus stabiler als die anderer südeuropäischer EU-Mitglieder.


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