Interview: Braindrain und der Feind im Vorgarten (Eleni Theocharous)

Interview: Braindrain und der Feind im Vorgarten (Eleni Theocharous)

Eleni Theocharous ist zypriotische Europaabgeordnete und Mitglied der EKR-Fraktion des Europäischen Parlaments.

Ist Tourismus das einzige wirtschaftliche Standbein Zyperns und braucht es eventuell ein zweites?

Der Tourismussektor spielt in der zypriotischen Wirtschaft wegen der einzigartigen Naturschönheiten, der historischen Sehenswürdigkeiten und des warmen Wetters eine tragende Rolle, ist aber sicher nicht das einzige Standbein. Der Energiesektor entwickelt sich zu einem Zweiten. Die beiden großen Gas-Funde „Aphrodite“ 2011 und „Calypso“ im Februar 2018 konnten den Bereich Energiewirtschaft stärken. Es gibt in jüngerer Zeit auch Fortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energiequellen durch internationale Investitionen, was auch die Diversifikation unserer Energiewirtschaft stärkt. Die Entdeckung der Gasvorkommen hat allerdings die Spannungen zwischen Zypern und der Türkei eher verstärkt als gemildert. Die Türkei beansprucht die Rechte an den zypriotischen Gasquellen, und das bestimmt auch die Verhandlungen über eine mögliche Wiedervereinigung Zyperns. Es ist derzeit offen, ob die Gasvorkommen Teil des Problems oder Teil der Lösung sind.

Neben der strategisch wichtigen Lage im östlichen Mittelmeerraum kann Zypern auch für den Energiemarkt der EU eine entscheidende Rolle spielen. Zypern ist ein wichtiger Knotenpunkt im östlichen Mittelmeerraum zwischen Nordafrika und Europa. Die Stromleitung EuroAsia Interconnector, die die Stromnetze Zyperns mit Griechenland und Israel verbinden wird, ist ein wichtiger Schritt. Diese Verbindung wird zur Energiesicherheit der EU beitragen und durch die Integration erneuerbarer Energiequellen für die EU zu nachhaltiger Entwicklung führen. Es gibt weitere Gespräche über die Errichtung einer weiteren Verbindungsleitung, der EuroAfrica Interconnector, die die Stromnetze Ägyptens, Zyperns und Griechenlands verbinden soll. Wenn Zypern ein Zentrum der Energiewirtschaft wird, bringt es der EU wichtige strategische Vorteile und geopolitischen Einfluss. Das könnte zu einer tragfähigen und angemessenen Lösung des Zypern-Problems führen.

Wie stark wirkt sich der Braindrain, also die Abwanderung junger Menschen derzeit auf Zypern aus?

Im Jahr 2012 war Zypern wegen der Finanzkrise von hoher Arbeitslosigkeit betroffen. In der Folge verließen 18.100 Einwohner, die Mehrzahl davon junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren das Land, um im Ausland Arbeit zu suchen. Seitdem wurden zahlreiche Plattformen wie „Invest Career“ von der Cyprus Investment and Promotion Agency (CIPA) gegründet, um geistiges Kapital nach Zypern zurückzuholen. Das hat zu einem Rückgang des Braindrain geführt. Solche Programme bringen unsere jungen Talente mit Unternehmen des Landes zusammen. Obwohl seither weniger Menschen vorhaben, Zypern zu verlassen, gibt es nach wie vor Abwanderung der jungen Generation mit Bachelor- und Aufbaustudium, die damit für eine kleine Insel wie Zypern überqualifiziert ist. Das kann man im Bereich digitale Wirtschaft beobachten wie auch beim sozialen Index des Landes, der für Jahr 2017 unterdurchschnittlich viel Humankapital ausgewiesen hat.

Darüber hinaus gibt es einen Mangel in den Bereichen Gastgewerbe, im Gesundheitswesen, Ingenieurwesen und Bauwesen. Diese Bereiche benötigen größte Aufmerksamkeit. Dank der EU-Finanzierung und der geopolitischen Lage des Landes haben sich mittlerweile viele internationale Unternehmen und Organisationen in Zypern angesiedelt. Dadurch entstehen mehr Stellen und beruflichen Möglichkeiten, wodurch die junge Generation leichter entsprechende Jobs in Zypern finden kann und der Braindrain-Prozess gestoppt werden konnte. Wir sind optimistisch und arbeiten weiter an Lösungen.


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