7.2 Gründerväter und Visionen

7.2 Gründerväter und Visionen

Die Gründerväter der EU hatten einen ideologischen und kulturellen Anspruch, der über die Kanalisierung von Wettbewerb hinausgeht. Sie wollten die Ungleichheit und die Nationalstaaten überwinden. Sie hatten das Ziel eines europäischen Superstaats vor Augen, eine „immer engere Union“. Zur Zeit der Weichenstellung hin zur heutigen EU war der Kommunismus Osteuropas gescheitert, marktwirtschaftliche und demokratische Experimente fanden Verbreitung in allen Teilen der Welt und viele Menschen glaubten, dass der Erfolg des westlichen Modells — Demokratie und Wohlstand für alle — das Erfolgsmodell für die gesamte Welt wäre. Die Planer Europas wollten weltweit Vorbild sein. Gleichzeitig wollten sie nicht den US-amerikanischen Weg gehen, der ihnen zu kapitalistisch erschien, sondern sie wollten „ihrem“ neuen Europa ein freundlicheres Antlitz geben.

Das neue Europa sollte auf einem positiven Menschenbild beruhen und auf Vertrauen in die Menschen und ihren guten Willen. Ungleichheit sollte überwunden werden durch den Ausbau der Infrastruktur, durch die Ausweitung von Bildung, durch die Verbreitung wirtschaftlicher Errungenschaften der erfolgreichen nord- und west- europäischen Regionen nach Süd- und Osteuropa. Falls dies gelänge, so glaubte man, dann würde sich ein vergleichbares Wohlstandsniveau einstellen. Dadurch würde die EU gleichzeitig politisch und wirtschaftlich stabil werden. Dieser Ansatz hat Züge eines sozialistischen Menschenbildes. Heute wissen wir, dass der gewünschte Aufholeffekt nicht stattgefunden hat. Stattdessen haben sich die Transferzahlungen, die mit schönen Worten garniert werden, verstetigt.


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