3.5 Griechenland — Die Sisyphus-Aufgabe

3.5 Griechenland — Die Sisyphus-Aufgabe

Sisyphus ist ein Schlitzohr, ein echter Schlawiner. Ein Frevler vor dem Herrn. Durch seine Schlauheit betrügt er den Tod ein ums andere Mal, indem er trickreich den Zugang zum Hades versperrt und den Todesgott Thanatos fesselt. Selbst als er stirbt, gelingt es Sisyphus ins Leben zurückzukehren, indem er seine Frau bittet, ihn nicht zu bestatten. Also entlässt Thanatos ihn ein weiteres Mal ins Leben. Doch die Strafe für Sisyphus ist schrecklich: so muss er bis in alle Ewigkeit einen schweren Felsblock den Berg hinaufbringen, welcher kurz bevor der Gipfel erreicht, immer wieder zurück ins Tal rollt. Eine wahre Sisyphusarbeit. Und da wird die Sage zur Parabel: die Griechen, die sich in den Euro gemogelt haben, trickreich ihrem wirtschaftlichen Tode durch diverse Rettungsschirme entgingen, müssen nun die Sisyphus-Aufgaben erledigen und ihr Land reformieren.

Griechenland ist seit 37 Jahren EU-Mitglied. Es war noch vor Spanien und Portugal das erste Land Südeuropas, das nach Jahren der Militärdiktatur 1974 wieder demokratische Wahlen einführte. Sozusagen als Belohnung wurde das Land 1981 in die EU aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Griechenland allerdings schon erhebliche wirtschaftliche Probleme. Der Markt war überreguliert, es gab und gibt Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung. Die achtziger Jahre gelten in Griechenland als verlorenes Jahrzehnt: hohes Staatsdefizit, regelmäßige Abwertungen der griechischen Drachme, hohe Inflation, Klientel-Politik und Verstaatlichungen von Unternehmen. Bei der Unterzeichnung des Maastrichter EU-Vertrags 1992 stand das Land bereits kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Mit der Unterzeichnung des Maastrichter Vertrags begann die damalige griechische Regierung mit Reformen. Wiederum als Belohnung wurde Griechenland dann auch in die Eurozone aufgenommen und erfüllte zumindest nominell die Kriterien.

Foto: Die Akropolis in Athen

Später zeigte sich, dass die Zahlen manipuliert waren. Die niedrigen Zinsen nach dem Euro-Beitritt führten zunächst zu einem griechischen Wirtschaftsboom, getragen vom Konsum wie Einzelhandel, Bau, Lebensmittelindustrie und Tourismus. Griechenlands Wirtschaft wuchs jährlich um fast 4%. Doch der Schuldenstand mit rund 100% und das Haushaltsdefizit mit über 3% blieben hoch. Folglich war Griechenland zu Beginn der Finanzkrise 2008 das wirtschaftlich anfälligste Land der Eurozone. Zwei Jahre später war die finanzielle Lage dann vollends entgleist. Um den Bankrott zu verhindern, blieb nur noch fremde Hilfe von der EU und dem Internationalen Währungsfonds IWF. Es war gleichzeitig der historische Bruch mit dem Prinzip der Eigenverantwortung der EU-Verträge. Die sogenannten Nichtbeistandsklausel untersagt sowohl der EU als auch einzelnen Mitgliedern, ein anderes EU-Mitglied finanziell zu unterstützen.

Das erste Rettungspaket von 2010 sah ein Darlehen von 120 Milliarden Euro für tief greifende Strukturreformen vor. Und als Bedingung die als Troika bekannte Aufsicht von Europäischer Zentralbank, IWF und EU-Kommission, um die griechische Haushaltskonsolidierung zu überwachen. Von den zugesagten Reformen wurde aber trotz Aufsicht nur ein Teil umgesetzt. Das Ergebnis der Haushaltskonsolidierung führte zu einer beispiellosen Rezession. Das griechische Bruttoinlandsprodukt schrumpfte innerhalb von fünf Jahren um ein Viertel, die Arbeitslosigkeit explodierte auf 28%. Die finanziellen Hilfen mussten 2012 durch ein zweites Hilfspaket und unter der Bedingung weiterer Sparmaßnahmen ausgeweitet werden. Die Folge war massiver Widerstand der Bevölkerung, Demonstrationen und der Zusammenbruch des etablierten politischen Systems.

Seit 2015 regiert die radikale Links-Partei Syriza mit Alexis Tsipras an der Spitze. In den ersten Monaten seiner Regierungszeit ging Tsipras in lange und harte Verhandlungen mit der EU über weitere finanzielle Hilfen. Die teilweise unprofessionelle Verhandlungsführung und die Unsicherheit der griechischen Bürger und Unternehmen über den Ausgang führte zu enormem Geldabfluss von griechischen Banken und schließlich zur Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, um weiteren Aderlass zu verhindern. Ein drittes Rettungsprogramm über weitere drei Jahre wurde dann schließlich unterzeichnet.

Foto: Griechische Drachme, die Währung Griechenlands vor der Einführung des Euro

2018 wurde Griechenland offiziell aus dem Rettungsprogramm entlassen. Die griechische Wirtschaft erholt sich durch die massive Unterstützung der EU langsam. Trotzdem ist die öffentliche Verschuldung nach wie vor extrem hoch und liegt heute sogar noch über der von 2010. Und die demographische Situation des Landes hat sich aufgrund der Abwanderung junger Menschen drastisch verschlechtert. Es bleibt fraglich, ob Griechenland mit dem Rest der Eurozone langfristig konvergieren kann, oder ob es bei der nächsten Finanzkrise endgültig gezwungen ist, die Eurozone zu verlassen.


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