Gastbeitrag: Währungsunabhängigkeit

Gastbeitrag: Währungsunabhängigkeit

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Starbatty

Niemals wieder das währungspolitische Schicksal einer fremden Macht anvertrauen!

Eine Volkswirtschaft verfügt über drei Aktionsparameter, um ihre internationale Konkurrenzfähigkeit zu sichern oder wiederherzustellen:

Löhne, Zinsen, Wechselkurse

Die aus ökonomischer Sicht adäquate Maßnahme ist die Abwertung; sie vollzieht sich von einer Minute auf die andere und gleicht Kostennachteile unmittelbar aus.

Über höhere Zinsen Konsum und Investitionen zu drosseln, um so volkswirtschaftliche Kapazitäten für Exporte freizustellen, ist eine langwierige, prozyklische und höchst unsichere Methode — nicht empfehlenswert.

Über Lohnsenkungen zu internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückzukehren, ist die wohl schmerzhafteste Form der Anpassung, weil sie in aller Regel mit Rezession und höherer Arbeitslosigkeit einhergeht.

In einer Währungsunion kann eine Volkswirtschaft nicht mehr Wechselkurse und Zinsen zur Sicherung ihrer internationalen Konkurrenzfähigkeit einsetzen. Sie verliert ihre wirtschaftspolitische Souveränität.

Die Briten hatten im Maastricht-Vertrag eine „Opt-out-Klausel“ durchgesetzt: Sie konnten entscheiden, ob sie die für die Schaffung der Europäischen Währungsunion geltenden Artikel für sich selbst gelten lassen zu wollten. Sie waren nicht von vornherein entschlossen, von der „Opt-out-Klausel“ Gebrauch zu machen. So nahmen sie an der Vorstufe der Europäischen Währungsunion, dem Europäischen Währungssystem (EWS), teil.

Im EWS sollten die Wechselkurse der Mitgliedstaaten innerhalb einer Bandbreite von 2,25% gehalten werden. Die Zentralbanken der Mitgliedstaaten mussten auf den Devisenmärkten intervenieren, wenn ihre nationalen Währungen sich der unteren oder oberen Wechselkurs-Marge näherten. Dies war auch für die Deutsche Bundesbank so vorgesehen. Doch galt ihre Politik vor Gründung des EWS als stabilitätsorientiert und berechenbar. Die Mitgliedstaaten gingen davon aus, dass sie diese Politik auch im EWS verfolgen würde. Daher intervenierten die anderen Mitgliedstaaten von sich aus in D-Mark, wenn diese einmal schwach war — in der Erwartung, dass ein Vorrat an D-Mark hilfreich sei, wenn die eigene Währung gestützt werden müsste. Dann könnten sie auf ihre D-Mark-Bestände zurückgreifen, um den Kurs der nationalen Währung zu stabilisieren. Insofern konnte die Bundesbank auf die Pflege der D-Mark verzichten. Die anderen Mitgliedstaaten taten das für sie.

So wuchs die D-Mark in die Rolle einer Ankerwährung hinein, und die Bundesbank war die Hüterin dieser Ankerwährung. In dieser Rolle gab auch die Deutsche Bundesbank den geldpolitischen Kurs vor. Erhöhte sie den Refinanzierungssatz, mussten die Mitgliedstaaten folgen, um nicht unter Abwertungsdruck zu geraten. Senkte sie ihn, so folgten die Mitgliedszentralbanken ebenfalls. Die ursprünglich als symmetrisch konzipierte Konstruktion des EWS wandelte sich also in eine asymmetrische Willensbildung: Die Bundesbank gibt den Kurs vor und die anderen folgen.

Genau diese Abhängigkeit führte zum Ausstieg Großbritanniens aus dem EWS. Die Wiedervereinigung Deutschlands — beginnend mit dem 11. November 1989 — löste einen Vereinigungsboom aus, weil der starke Nachholbedarf bei privatem Konsum und Investitionen das Preisniveau nach oben trieb. Die Bundesbank erhöhte die Zinsen, um die Konjunktur nicht überborden zu lassen. Das war aber Gift für die britische Volkswirtschaft, die gerade eine Rezession durchlief. Sie hätte stattdessen eine kräftige Zinssenkung gebraucht. Das britische Pfund geriet unter Druck. Sie stand vor der Entscheidung, entweder diese prozyklische Politik weiterzuverfolgen oder das Pfund aus dem EWS herauszunehmen. Sie war entschlossen, den harten Weg zu gehen.

In dieser Situation ließ der Präsident der Deutschen Bundesbank, Helmut Schlesinger, verlauten, dass diese Politik nicht durchgehalten werden könne. Wenn ein Privatmann das sagt, ist das eine Meinung; wenn der Präsident der Bundesbank das sagt, ist es ein offizielles Statement. Sofort setzten spekulative Attacken gegen das britische Pfund ein. Die britische Regierung war gezwungen, ihre Währung aus dem EWS herauszunehmen. In der sich daran anschließenden Unterhausdebatte wurde Helmut Schlesinger scharf attackiert. Und dabei sind Briten nicht zimperlich. Schlesinger wurde angegriffen, weil er erstens als Präsident der Bundesbank die Politik an nationalen Interessen orientiere und da- durch die Mitgliedstaaten zu einer unheilvollen Politik gezwungen habe, und weil zweitens seine verbale Intervention das Pfund aus dem EWS habe. Wortführer im Unterhaus war der konservative Schatzkanzler Norman Lamont. In einem späteren Interview ist er gefragt worden, wie er nach einigem Abstand dieses Ereignis bewerte. Seine Antwort bestand aus zwei Teilen:

Es sei richtig gewesen, dass sich die Bundesbank deutschen Interessen verpflichtet gesehen habe. Das sei der ihr aufgegebene gesetzliche Auftrag; es wäre auf Dauer auch verhängnisvoll gewesen, wenn die Ankerwährung keinen festen Halt mehr gehabt hätte.

Für Großbritannien sei das Ausscheiden vorteilhaft gewesen, weil jetzt eine geldpolitische Bekämpfung der Rezession möglich war. Und zwar erfolgreich.

Diese Episode aus dem Herbst des Jahres 1992 hat den Briten eine unauslöschliche Erfahrung eingebrannt: Niemals wieder das währungspolitische Schicksal einer fremden Macht oder Institution anzuvertrauen.


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