2.3 Divergenz führt zu Migration

2.3 Divergenz führt zu Migration

Die Divergenz bzw. die Nicht-Erfüllung der Konvergenz-Erwartungen in der Europäischen Währungsunion führt zu einer Situation, wie sie in der „Theorie der optimalen Währungsräume“ vorhergesagt wird: Zur Abwanderung von Menschen aus den schwächeren Regionen.

Nach Ausbruch der Krise 2008 haben die südeuropäischen Staaten einen enormen Verlust von Humankapital zu verkraften. Die demographische Situation dieser Länder ist verheerend. Italien hat in den letzten zehn Jahren rund 400.000 junge Menschen der Altersgruppe von 25-35 Jahren verloren. Spanien sogar 1.6 Millionen. Viele von diesen waren jedoch in den Boom-Jahren vorher nach Spanien zugewandert. Am schlimmsten hat die Krise Griechenland getroffen. In derselben Altersgruppe hat das viel kleinere Griechenland nach verschiedenen Schätzungen (exakte Zahlen liegen nicht vor) rund 300.000 junge Menschen, zumeist Griechen, verloren.

Chart 28: Hauptziel-Länder der Migration aus Südeuropa (Stand: Januar 2016)
Chart 29: Migrationsbewegung in Tausend Einwohner von Südwest (Spanien, Italien, Portugal und Griechenland) nach Nordwest (in die 8 nord-westlichen EU-Mitgliedsländern, ohne Frankreich, Irland und Luxemburg)
Chart 30: Veränderung der Migrationsströme von Südwest (Spanien, Italien, Portugal und Griechenland) nach Nordwest (in die 8 nordwestlichen EU-Mitgliedsländern, ohne Frankreich, Irland und Luxemburg)

Es handelt sich dabei überwiegend um die am besten ausgebildeten jungen Menschen. Die Abwanderung wird erhebliche Folgen beispielsweise für die Sozialsysteme oder die Innovationsfähigkeit dieser Länder haben. Die Zukunftsfähigkeit des gesamten Südens der EU steht auf dem Spiel.

Die Abwanderung hat auch politische Auswirkungen. Die älteren Wähler, die zurückbleiben, sind an wirtschaftlichen Reformen zumeist wenig interessiert und wählen die Parteien, die hohe soziale Leistungen versprechen. Ein politischer Aufbruch wird deshalb immer schwieriger. Langfristig droht, was Italien seit Jahrzehnten erlebt: Der Süden vergreist gesellschaftlich und politisch und wird zum dauerhaften Transferempfänger.

Auch im Norden Europas ergeben sich nicht nur positive Effekte. Die Zuwanderung großer Gruppen drückt beispielsweise Mietpreise nach oben und Löhne nach unten. Der Brexit oder die Schweizer Volksabstimmung von 2014 „gegen die Massenimmigration“ waren Proteste gegen eine als zu hoch empfundene Zuwanderung.

Foto: Prof. Dr. Thomas Mayer (rechts) beim Ökonomischen Symposium in Athen 2019
Die Eurozone sollte nicht so werden wie ein großes Italien.
Prof. Dr. Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Leiter des Flossbach von Storch Research Instituts.

Quellenangaben für die verwendeten Fotos und Charts:

  • Cover-Foto: noxmox @ Fotolia.com
  • Chart 28: Eurostat / Ulrike Trebesius (PDF)
  • Chart 29: Eurostat (PDF)
  • Chart 30: Eurostat (PDF)
  • Foto: Volker Heinecke