5.4 Die Finanzkrise und ihre Folgen

5.4 Die Finanzkrise und ihre Folgen

Am 15. September 2008 meldete die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an. Lehman sowie hunderte weitere amerikanische Banken wurden geschlossen und abgewickelt. Allein in 2009, dem Höhepunkt der Krise, schlossen in den U.S.A. 140 Banken. Um die Lage unter Kontrolle zu bekommen, veranlassten die amerikanische Regierung und die Notenbank Federal Reserve, kurz „Fed“, ein Paket von Maßnahmen. Wichtige Institute wurden mit Eigenkapital ausgestattet. Weil die Leitzinsen schon sehr niedrig waren, begann die Notenbank 2008 mit dem Ankauf von Anleihen und besicherten Wertpapieren (QE: quantitative easing). Auf diese Weise sollte der kollabierende Immobilienmarkt gestützt, und Geld für neue Investitionen bereitgestellt werden. Das Programm hat schnell Ergebnisse gebracht. Innerhalb weniger Jahre gelang den USA die Rückkehr zu positiven Wachstumsraten.

Chart 39: Bilanzausweitung der wichtigsten Zentralbanken

In den letzten Jahren sind viele Notenbanken dem Vorbild der USA gefolgt. Die Welt wurde mit Geld geflutet.

Auch die parallel durchgesetzte Niedrigzinspolitik hält bankrotte Staaten und Unternehmen künstlich am Leben. Obwohl sich die schlimmsten Erwartungen einer gewaltigen Inflation nicht eingestellt haben, ist diese Politik des billigen Geldes nicht ohne Nebenwirkungen.

Nebenwirkungen der Niedrigzinspolitik

Die Politik der Notenbanken führt dazu, dass Politiker weniger oder gar keine Reformen mehr durchführen. Die Spar- oder „Austeritätspolitik“ kostet zunächst meist Wählerstimmen und wird von Politikern meist nur durchgeführt, wenn es nicht mehr anders geht.

Der Spielraum für Zinssenkungen fehlt, wenn es in die nächste Rezession geht. Die US-Notenbank senkt ihre Zinsen in einer Rezession im Schnitt um 5-6%, so eine Studie der Federal Reserve of Boston von 2018. Wenn die Zinssätze nahe Null liegen, fehlt den Notenbanken ein wichtiges Werkzeug.

Foto: Ben Shalom Bernanke, ehemaliger Chef der US-Notenbank (Fed: Federal Reserve Board)

Die Politik der Notenbanken sollte die Kurse von Anlagen aufblähen und so Wohlstand und neue Nachfrage schaffen. Der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke hat das so ausgedrückt:

und höhere Aktienkurse werden den Wohlstand der Konsumenten hochtreiben und helfen, Vertrauen zu erhöhen, was auch die Ausgaben antreiben kann. Erhöhte Ausgaben werden zu höheren Einkommen und Gewinnen führen, die, in einem positiven Kreislauf, das weitere wirtschaftliche Wachstum unterstützen werden.
Ben Bernanke in der Washington Post vom 04.11.2010

Das ist den Notenbanken teilweise gelungen. Das Resultat wird heute oftmals von Linken kritisiert, die eine Zunahme der wirtschaftlichen Ungleichheit beklagen und mehr Umverteilung fordern. Dass die Notenbanken durch Niedrigzinsen gerade die kleinen Sparer belasten und deren Renten angreifen, interessiert die linken Politiker erstaunlicherweise kaum.

Chart 40: Wichtige internationale Leitzinsen

Von besonderer Bedeutung ist die Wirkung der Politik des billigen Geldes für Unternehmen. Einerseits ist es positiv, wenn in Krisen Unternehmen und Arbeitsplätze erhalten werden. Andererseits sorgt eine dauerhafte Erhaltung schwacher Unternehmen dafür, dass wirtschaftlicher Wandel und Wachstumskräfte erlahmen. Unternehmen, die nur noch durch künstlich niedrige Zinsen erhalten werden, binden aber wertvolle Ressourcen und verhindern neues Wachstum. In den letzten Jahren hat sich die Quote dieser sogenannten Zombie-Unternehmen in der westlichen Welt deutlich erhöht. (siehe Chart 41)

Chart 41: Anteil ertragsschwacher Unternehmen in Prozent

Die Quote der Zombie-Unternehmen ist besonders im Süden der Euro-Zone besonders hoch. Eine Studie der OECD von 2017 sieht in der Euro-Zone sehr hohe Anteile in Italien, Spanien, Portugal und Belgien. Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft von 2017 sieht die Lage in Italien, Frankreich und Spanien als besonders kritisch an.

Chart 42: Anteil notleidender Kredite an den Gesamtkrediten in Prozent
Chart 43: Bestände von „bad loans“ vor und nach Wertminderung der fünfzehn Groß- und Mittelbanken

Die Lage ist also zumeist in den Ländern besonders schwierig, in denen auch die Banken mit notleidenden Krediten zu kämpfen haben, also solchen Krediten, deren Rückzahlung verspätet erfolgt oder ausgefallen ist. (siehe Chart 42). Die Lage ist besonders in Griechenland heikel. Auch Italien, das als besonderer Schwachpunkt der Eurozone gilt, hat sehr hohe Anteile fauler Kredite. Zwar wird von politischer Seite auf eine Verbesserung hingewiesen, aber diese hält einer Überprüfung kaum stand. Eine Studie des Instituts Flossbach von Storch der 15 größten Banken Italiens belegt, dass faule Kredite zwar abgeschrieben und aus den Bilanzen genommen werden (rote Säulen), aber immer neue hinzukommen (blaue Säulen). Der Druck auf das Eigenkapital der Banken dürfte in Italien also weiter sehr hoch bleiben. (siehe Chart 43)

Die Politik der Notenbanken erreicht nicht nur, dass Zombie-Unternehmen erhalten werden, sondern sie kann auch dafür sorgen, dass neue entstehen. Besonders in den USA haben viele Unternehmen die niedrigen Zinsen genutzt, um Schulden aufzunehmen und eigene Aktien zurückzukaufen. Ein Aktienrückkauf kann für die Manager attraktiver sein, weil er die Aktienkurse befeuert und so die erfolgsabhängige Vergütung erhöht. So lange die Zinsen niedrig sind, kann sich so ein Tausch von Eigenkapital gegen Fremdkapital auch betriebswirtschaftlich rechnen. Die Unternehmen machen sich aber auf diese Weise abhängig von niedrigen Zinsen und billigem Fremdkapital.

Wenn viele Unternehmen so vorgehen, wird die Fähigkeit der Notenbanken beschränkt, die Zinsen wieder anzuheben. Eine Zinsanhebung ist viel schwieriger, je höher die unproduktiven gesellschaftlichen Schuldenstände sind. Notenbanken, die die Zinsen nicht mehr erhöhen können, sind auch nicht mehr in der Lage, Spielräume für künftige Zinssenkungen zu schaffen. Solche Spielräume sind aber wichtig, um ausbrechende Rezessionen bekämpfen zu können. Um diesem Dilemma zu entgehen, fordern immer mehr Zentralbanker die Abschaffung des Bargeldes. Eine bargeldlose Wirtschaft würde es ihnen ermöglichen, die Zinssätze weit in den negativen Bereich zu drücken. Ein weiterer Nebeneffekt der niedrigen Zinsen ist, dass sie die Ertragslage der Banken verschlechtern. Banken verdienen Geld aus der Differenz zwischen den Zinssätzen, die sie von der Zentralbank bekommen, und denen, die sie an die Kunden weitergeben. Wenn die Marge gering ist, leiden die Banken. Die Niedrigzinspolitik der EZB trägt deshalb einen großen Anteil ins- besondere an der Notlage des europäischen Bankensektors.

I think the Fed is making a mistake. They are so tight. I think the Fed has gone crazy.
US-Präsident Donald Trump am 10.10.2018

Bereits 2014 hat die Fed ihr Ankaufprogramm für Wertpapiere gestoppt. Nachdem sie in der Folge mehrere Zinsanhebungen durchgeführt hat, steigen die Befürchtungen, dass es zu viele Unternehmen gibt, die entweder sowieso keine höheren Zinsen verkraften bzw. inzwischen so verschuldet sind, dass sie diese nicht mehr verkraften. Der wichtigste US-amerikanische Leitzins, die „Fed Funds Rate“ steht heute bei 2,25-2,5%. Während die Fed eigentlich angekündigt hatte, weitere Zinserhöhungen durchzuführen, rudert sie inzwischen zurück. Besonders US-Präsident Trump hatte sich lautstark über den von ihm selbst eingesetzten Fed-Vorsitzenden Jerome Powell beschwert und ihm sogar mit Entlassung gedroht.


Quellenangaben für die verwendeten Fotos und Charts: